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Disclaimer: Fiktion

Die Familie, dessen Geschichte wir hier erzählen, gibt es nicht wirklich. Sie ist fiktional: Ihre Erlebnisse sind inspiriert von realen Ereignissen. In ihr finden sich Erfahrungen von in Deutschland lebenden Palästi-nenser*innen, die wir anonym interviewt haben, und reale Berichte aus Gaza und dem Westjordanland.
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Gepäck
Schaf-Kuscheltier
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Wassertank
Solar-Powerbank und Handy
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Kochbuch
Schulheft
Spardose

Schaf-Kuscheltier

Amaya und Saleem stammen von einer generationenalten Hirtenfamilie ab. Sīdou erzählt gerne von seinen Schafen. Gemeinsam mit seinem Vater zeihte er sie groß. Das Melken bereitete ihm wenig Freude. Auch beim Scheren hatte er immer Angst, das Tier zu verletzen. Am liebsten führte er sie stundenlang durch die Berge und schaute ihnen beim Grasen zu, während er selbst die Oliven von den umliegenden Bäumen verspeiste.

Hand hält Olive mit Schafen im Hintergrund

Er freute sich darauf, eines Tages seinen Sohn zum Hirten zu machen. Er hoffte immer, Baba würde mutiger sein mit den Schafen und das Scheren übernehmen. Doch die Schafe, der alte Hof – alles ist weg. Und Baba ist in Deutschland. Ohne je ein Schaf geschoren zu haben.



Olivenbäume mit Bergen im Hintergrund

Eine lange Tradition

Die Tradition der Hirten ist tief im Westjordanland verwurzelt. Schon in biblischen Erzählungen finden sich Spuren davon. Als Haupteinnahmequelle der Bedouinen sind diese darauf angewiesen, sich ordnungsgemäß um ihre Tiere zu kümmern. Dazu benötigen die Tiere vor allem eins: Raum zum Grasen.

Seit der Besetzung der palästinensischen Gebiete und der Errichtung des Staates Israels Mitte des 20. Jahrhunderts gestaltet sich das zunehmend schwierig. Nicht nur müssen die Schäfer auf Land verzichten, sondern werden auch durch Siedlergewalt gegen sie und ihre Tiere bedroht. Dieser Zustand dauert bis heute an.

Shepherd Settlers

Eine von – oftmals sehr jungen - illegalen Siedlern genutzte Praxis ist es, ihre eigenen Schafe zum Grasen in die Nähe von palästinensischen Häusern zu bringen und die Bewohner gewaltsam einzuschüchtern. Sie zerstören die Futter- und Wasservorräte der palästinensischen Hirten und umzingeln ihre Schafe.

Israelische Menschenrechtsaktivisten behaupten, die Siedler tun dies, um ihre Siedlungen auszuweiten. Sie bezeichnen es als eine Form des Terrorismus.

Sollten sich die israelischen Siedler - welche häufig verhaltensauffällig sind und die Schule abgebrochen haben - unwohl fühlen, eilen bewaffnete Sicherheitskräfte aus den Siedlungen zu ihrem Schutz.

Rifle

Siedlergewalt trifft auch Tiere und Pflanzen

Auf Instagram nimmt der junge israelische Aktivist Andrey X seine Follower mit ins Westjordanland. Auf seinem Account (@the.andrey.x) bezeichnet er sich selbst als unabhängiger Journalist aus Palästina. In zahlreichen Videos dokumentiert er Siedlergewalt gegen die Palästinenser*innen, ihr Eigentum und die Natur.

Triggerwarnung: Blut, grafischer Content.

In einem Reel vom 23. Dezember 2025 berichtet er von Siedlern, die im Dorf Wadi Jhaish im Süden des Westjordanlands, die zwei Mal innerhalb von zwei Monaten eine plästinensische Familie im eigenen Heim attackierten. Beide Male wurde ein vier bzw sechs Monate altes Baby mit Pfefferspray attackiert. Auch wurden beide Male Schafen die Augen ausgehöhlt.

Auch teilt Andrey Beiträge über Siedlergewalt gegen die generationenalten Olivenbäume der Palästinenser*innen. Das Institute of Middle Eastern Understanding erklärt: Besonders im Herbst - der Erntesaison der Oliven – fürchten Palästinenser*innen Attacken. Nicht nur werden sie selbst körperlich angegangen, auch die Olivenbäume werden angezündet oder zerstört. In der Erntesaison 2025 wurden laut dem UN-Büro OCHA die meisten Fälle von solcher Gewalt seit 2020 verzeichnet: Über 4000 Bäume und Setzlinge wurden vandaliziert.

Olivenbaum

Auch sonst nahm die Anzahl der Siedlergewalt zu: Letztes Jahr zählte das OCHA 1828 verzeichnete Fälle von Siedlerangriffe auf Palästinenser*innen und ihr Eigentum. Der fünfte Höchststand in Folge.

Menschliche
Schutzschilde

Um die Palästinenserinnen und Palästinenser vor lebensbedrohlichen Attacken der radikalen Siedler zu schützen, bieten einige israelische Aktivist*innen seit den frühen 2000ern eine sogenannte „protective presence“ an. Sie begleiten die Hirten beim Auslaufen ihrer Schafe, die Familien beim Ernten ihrer Oliven oder beim Sammeln vom Wasser. Übergriffe durch illegale Siedler sichern sie auf Video. Dabei riskieren sie inhaftiert oder gar selbst Opfer eines Angriffs zu werden. Das Risiko nehmen sie auf sich, denn ein Schweigen angesichts so einer Ungerechtigkeit kommt für sie nicht infrage.

Hand mit Videokamera




Quellen: 1 - 7

Shami-Fliesen

Für Amaya haben diese handgefertigten Fliesen eine große Bedeutung. Es ist ein bisschen wie beim Zahnarzt; die schönen Muster lenken sie ab. Diese wenigen Fliesen hat Baba an die Wand gefließt, kurz bevor er gegangen ist. Eines der letzten Dinge, die ihnen noch aus Sidous altem Haus erhalten blieben.

Jedesmal wenn Amaya einen lauten Knall aus dem Fenster hört, schweift ihr Blick nach links. Dem symmetrischen Muster der Kacheln zu folgen – das bringt ihr Ruhe. Und so ganz nebenbei sehen sie auch noch hübsch aus, sogar Amayas Lieblingsfarbe findet sich in ihnen.

Amaya schaut auf die Fliesen vor sich

Einige Fliesen sind schon gerissen. Bei einem Sturm auf ihre Wohnung wurden zwei Fliesen beschädigt. Einen Ersatz hätten sie ohnehin nicht bekommen - obwohl Amayas Tante Halima ganz in der Nähe der einzigen Shami-Fliesenwerkstatt im ganzen Westjordanland wohnt.

Zerbrochene Fliesen

Der Hintergrund

Shami leitet sich von dem arabischen „Al-Shām“ (zu deutsch Syrien) ab und bezieht sich auf die levantische Region. Ein Teil der levantischen Kultur wurden die Fliesen durch die französische Kolonialisierung des Gebiets. Traditionell werden sie mithilfe einer Kupferschablone mit Farbe ausgefüllt und von Zement bedeckt.

Karte aus der Levante von 1920

Vor über 100 Jahren war die Levante eine zugängliche Region. Grenzen, wie sie nach dem ersten Weltkrieg von westlichen Mächten gezogen wurden, existierten nicht. Der Handel erstreckte sich über die gesamte Levante und auch die Produktion der Shami-Fliesen gestaltete sich in dieser Zeit einfacher. Schablonen aus Beirut konnten ohne Bedenken zu den zahlreichen Produktionsstätten in palästinensischen Städten transportiert werden.

Fliesen ( und Menschen ) ohne Freizügigkeit

Doch heute ist das anders: Nicht nur das Verlassen und Betreten des Westjordanlandes ist ohne israelische Genehmigung unmöglich. Auch innerhalb des Westjordanlands erschweren - in der Anzahl steigende -Checkpoints und wachsende illegale israelische Siedlungen die Freizügigkeit der Palästnenser*innen und ihrer Ware.

Die letzte noch erhaltende Produktionsstätte der Shami-Fliesen befindet sich in Nablus. Nur etwa 70 Kilometer nördlich von unserer Wohnung entfernt. Doch beim Überqueren der Route 60 – die einzige Route, die Ramallah und Nablus verbindet – ist man Kontrollen und teilweise tödlicher Siedlergewalt ausgesetzt. Die Autobahn durchquert die Zonen A,B und C des Westjordanlandes.


Buchstabe A mit der Flagge Palästinas
18% Der West Bank, am stärksten bevölkert. Unter palästinensischer Verwaltung und Polizeikontrolle. Oft angrenzend an Area C.
Ca. 22% des Westjordanlands. Unter palästinensischer Verwaltung, aber geteilte Sicherheitskontrolle mit Israel. Segmentiert Area A und B.
Buchstabe B mit der Flagge Palästinas und Israels
Buchstabe C mit der Flagge Israels
Über 60% des Westjordanlands. Unter israelischer Verwaltung.



Eine Karte der OCHA liefert detailliertere Informationen.

Seit dem 7. Oktober 2023 erfahren Palästinenser*innen im besetzten Westjordanland große Strenge beim Verlassen und Betreten ihrer Dörfer. Entweder werden sie an den Checkpoints abgewiesen oder in stundenlange Kontrollen verwickelt.

Für Amayas Familie wäre es wohl unmöglich gewesen, ihre Fliesen auszutauschen. Jetzt, wo sie die Wohnung verlassen mussten, ist das aber ihr kleinstes Problem.

Wer hält die letzte
Fabrik am Laufen?

Die handgefertigten Fliesen aus der Fabrik in Nablus werden zum größten Teil an Israelis verkauft. Der Inhaber behauptet gezwungen zu sein mit israelischen Lieferanten zu kooperieren. Diese würden die Ware verpacken und als israelisches Produkt an die Kunden verkaufen. Die Anfrage eines israelischen Geschäftsmannes, ihre Fabrik in Israel zu verlegen, lehnte der Inhaber ab. Es wäre für ihn ein „Akt des Verrates“. Für viele Palästinenser sind die Fliesen eine Erinnerung an eine lange vermisste Freiheit und somit ein fester Bestandteil ihrer Identität.


Quellen: 8 - 16

Wassertank

Ein Tank muss immer voll sein. Sie haben drei. Der kleine ist für die Kleinigkeiten. Die großen – der blaue und der gelbe – sind vormittags fast immer gefüllt, wenn Wasser kommt. Am Abend wird einer leer gemacht, am nächsten Morgen aufgefüllt - abends ist der andere Tank dran.

Fließendes Wasser ist einfach zu teuer geworden. Das sagt Maryam jedes Mal zu Halima, wenn sie mal Netz hat. Der Wasserhahn ist jetzt wie Deko, meint Sitti zu Amaya. Er bleibt still, während das Wasser aus dem kleinen Tank über Amayas eingeseifte Hände läuft. Es sammelt sich dann in der großen Schüssel im Waschbecken. Saleem braucht es fürs Klo.

Krankheit und Unzugänglichkeit

Seit Oktober 2023 erlebt Gaza einen nahezu vollständigen Zusammenbruch der Wasserversorgung. Nach der Blockade von Strom-, Wasser- und Treibstofflieferungen sank die Wasserproduktion laut Human Rights Watch zeitweise auf lediglich 5,7% des Vorkriegsniveaus. Die Infrastruktur ist massiv zerstört: 85% der Pumpstationen und der Großteil der Brunnen sind beschädigt oder außer Betrieb. Laut UNICEF sind auch über 70% der Kläranlagen betroffen. Viele Menschen greifen auf verschmutzte Brunnen zurück, da das Grundwasser durch Abwässer und Trümmer kontaminiert ist. Die Folgen sind gravierend: Die WHO meldete 2024 Hunderttausende Durchfallerkrankungen, über 130.000 Hepatitis-A-Fälle und eine Polio-Zirkulation in 88% der Umweltproben. Besonders betroffen sind Kinder, da sie oft stundenlang Wasser holen müssen und am stärksten unter Dehydration und Infektionen leiden.

Die Wasserkrise im Westjordanland hat sich seit 2023 außerdem massiv verschärft. Über 100 Wasseranlagen wurden abgerissen. Wie Reuters 2025 ergänzend berichtete, verschärft extremistischer Siedlervandalismus die Krise: Die UN registrierte 62 Angriffe auf die Wasserinfrastruktur innerhalb von sechs Monaten sowie insgesamt 925 Siedlerangriffe innerhalb von sieben Monaten. In mehreren Gemeinden fließt Wasser nur noch zweimal pro Woch und viele Familien sind auf teure Lkw-Lieferungen angewiesen.


Quellen: 17 - 26

Solar-Powerbank & Handy

Als Maryam nach Hause kam, war das alte Handy schon kaputt.

Es gibt eine Regel. Powerbank und Handy bleiben am Fenster: Die Powerbank im Sonnenlicht und das Handy im Schatten. Damit das Handy nicht wird, klebt ein Pappstück Amaya auf das Glas. Saleem beobachtet sie. Beide sollen aufpassen, dass es nicht herunterfällt.

Sie ruft ab und zu ihre Kinder, sie sollen die Handys von den Nachbarn hochbringen und laden. An manchen Tagen gibt es genug Netz, um mit Younes zu schreiben. Letztes Mal hat er sein altes deutsches Handy nach Hause geschickt.

Kaum Strom, kaum Netz

Die palästinensischen Gebiete sind seit Jahrzehnten stark von Energieimporten aus Israel abhängig. Bereits seit den 1970er-Jahren gilt Solarenergie als wichtige alternative Energiequelle. Insbesondere im Gazastreifen nahm ihre Nutzung deutlich zu: Laut einer Studie der Hebrew University of Jerusalem stieg die Zahl der Solaranlagen dort exponentiell von 2012 bis 2019.

Seit dem 11. Oktober 2023 steht Gazas einziges Kraftwerk still, nachdem Israel die Lieferungen von Strom, Wasser und Treibstoff blockiert hatte. Laut der International Bank for Reconstruction and Development waren im Jahr 2024 über 80 Prozent des Stromnetzes im Gazastreifen zerstört; zahlreiche Krankenhäuser verfügten nachts nicht mehr über ausreichende Beleuchtung. Der Zusammenbruch der Energieversorgung führte zu akutem Wassermangel, zum Ausfall von Abwasser- und Kommunikationssystemen sowie zu Hunger und Krankheiten.

Auch im Westjordanland kommt es zu Stromabschaltungen. Die Netze sind vielerorts überlastet oder veraltet, was zu wiederkehrenden Ausfällen führt, während der Ausbau erneuerbarer Energien durch eingeschränkten Flächenzugang und langwierige Genehmigungen behindert wird. In diesem Kontext entstanden jedoch verstärkt gemeinschaftliche Initiativen, unter anderem in Form von Solarladestationen, um die Grundversorgung zumindest teilweise aufrechtzuerhalten.


Quellen: 27 - 32

Koran-Verse

„Verliert nicht die Hoffnung und seid nicht traurig; ihr werdet die Oberhand haben, wenn ihr gläubig seid.“ (3, 139)

„Gewiss, es gibt mit der Erschwernis eine Erleichterung.“ (94,6)

„Gott prüft Gläubige mit Angst, Hunger und Verlust, Geduldige erhalten Segen sowie Barmherzigkeit.“ (2, 155)

Maryam ist religiöser geworden seit Younes weg ist. Sie ist überzeugt: Nichts und niemand irdisches kann sie und ihre Familie noch beschützen. Ohne Younes hat sie beinahe täglich Alpträume: Was wenn die Siedler wiederkommen? Was, wenn sie wirklich Amaya berühren? Sīdi ist zu schwach und Sitti’s Seele würde alleine beim Gedanken daran ihren Körper verlassen.

Und dann wäre da noch ihr Bruder, Hamza. Alleine in Gaza. Querschnittsgelähmt. Schwerstdepressiv. Das einzige was ihn am Leben hält, ist der Glaube. Das Leben als Prüfung und das Paradies als Belohnung für seine Geduld.

Maryam rezitiert täglich den Koran. Weite Teile kann sie mittlerweile auswendig. Einige Verse geben ihr Hoffnung Auch Amaya glaubt mittlerweile an Allah. Anders als Saleem, der nicht versteht wieso ein so barmherziger Gott ihm so ein böses Leben gegeben hat. Amaya weiß, es ist nicht Gott, der ihr Leid zuführt. Es sind die Menschen. Ihre Mama hat ihr erzählt, dass die Mädchen in Gaza mit bedeckender Gebetskleidung schlafen - falls sie nachts angegriffen werden. Aber auch für den Falle, sie sollten am nächsten Morgen nicht aufwachen, begraben unter Schutt. Wer auch immer sie bergen wird, soll sie nur im bedeckten Zustand auffinden. Im Namen Allahs sterben, sein Gebot in den letzten Sekunden des Lebens befolgen. Maryam könnte sich keinen würdevolleren Tod vorstellen.

Zuflucht im Glauben

Für viele Palästinenser spielt der religiöse Glaube eine zentrale Rolle im alltäglichen Leben. Dieses Leben ist nun größtenteils von Hunger, Zerstörung, Leid und Tod geprägt. Aus dieser Perspektive hat der Konflikt zwischen Israel und Palästina eine religiöse Komponente angenommen. Denn gerade in Zeiten der Not suchen viele Menschen besonders intensiv Trost und Zuflucht bei Gott. Sie versuchen, das Geschehene mit einem Willen oder Plan Gottes zu erklären. Die Palästinenser stehen vor der schwierigen Aufgabe, ihren bisher von der Religion bestimmten Alltag mit der täglich erfahrenen Gewalt in Einklang zu bringen.


Quelle: 33

Kochbuch

In der Küche liegt noch das Kochbuch von Sitti. Sie sammelte über die Jahre verschiedene Rezepte für die Familie, merkte sich die Lieblingsessen ihrer Liebsten und nutzte das Buch als Gelegenheit gemeinsam mit ihrer Familie zu kochen. Ein Topf und ein bisschen Mehl stehen noch übrig.

Das Buch sollte eine Sammlung von Lieblingsrezepten sein, neue Gerichte, die sie mit ihren Enkelkindern teilen konnte. Doch wegen Armut und schlechten Ressourcen änderte sich das Kochbuch als Aufbewahrungsort für Notfallrezepte. Nun ist das Kochbuch eine Anleitung, um mit sehr wenig zu überleben. Etwas, was sie mit allen teilt, die sich in einer Not befinden, mit kaum Essen und fast gar keinen frischen Zutaten. Beispielweise teilt sie diese Rezepte mit Bekannten aus Gaza.

Hunger und Abhängigkeit

Derzeit wird die Situation im Westjordanland immer kritischer. Wegen Blockaden steigen Preise und Arbeitslosigkeit. Die Lebensmittel Preise stiegen um 50%-100% und die Arbeitslosigkeit stieg auf 40%. Armut wird immer mehr ein Problem der Bevölkerung, dadurch verringert sich der Zugriff auf Nahrungsmittel gewaltig. Außerdem ist der Zugriff auf Wasser sehr eingeengt. Was nicht nur Kochen schwer macht, sondern auch das Anbauen von Lebensmitteln nahezu unmöglich.

Auch in Gaza ist die Situation um Essen fatal. Laut der UN leiden über 1,8 Millionen Menschen im Moment unter extrem kritischen Hungerbedingungen und haben keinen verlässlichen Zugriff auf Nahrungsmittel. Darunter, 84% der Kinder in Gaza zeigen Anzeichen von extremer Unterernährung. Landwirtschaft, Fischerei und lokale Märkte sind weitgehend begrenzt. 70% die landwirtschaftlichen Flächen sind unbrauchbar, Gewächshäuser und Obstgärten vernichtet und die Fischerei ist massiv eingeschränkt. Dadurch sind nicht nur Einkommensquellen verloren gegangen, sondern auch die Möglichkeit zur Selbstversorgung. Gleichzeitig ist die Versorgung mit Wasser gering. Laut der Human Rights Watch ist die tägliche Wasserversorgung in Nord Gaza von 380.000 m³ auf 638 m³ gesunken. Sauberes Trinkwasser steht nur in minimalen Mengen zur Verfügung, und dadurch ist Kochen noch schwieriger. Viele Lebensmittel sind kaum verfügbar oder unbezahlbar. Dadurch sind die Leute stark auf äußere Hilfe angewiesen. Doch Humanitäre Hilfe erreicht die Bevölkerung unregelmäßig und reicht nicht aus, ohne lokale Produktion bleibt die Abhängigkeit bestehen.


Quellen: 34 - 36

Schulheft

Amaya ist neun Jahre alt und wenn sie groß ist, möchte sie Flugbegleiterin werden. Ihr Traum ist es die Welt zu sehen, in ihrer Heimat ist die Bewegungsfreiheit von Palästinensern sehr eingeschränkt. Wieso das so ist, versteht sie noch nicht, aber ihre Familie hat ihr eingeprägt, sich nicht mit israelischen Soldaten anzulegen. Ein Junge aus der Nachbarschaft ist so gestorben. Also hängt sie ihre Hoffnungen an die Zukunft.

Um ihren Traum zu verwirklichen, arbeitet sie hart in der Schule. Ihr Papa Younes ist vor mehr als fünf Jahren nach Deutschland geflohen, um seiner Familie dort eine Zukunft aufzubauen.

Verdächtige Kinder

Leider wird der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis nicht nur zwischen Erwachsenen geführt.

Für viele Kinder ist es ein normaler Zustand, täglich mit der Gewalt zwischen Siedlern, die auch von Israel als illegal eingestuft werden, und radikalisierten „Widerstandskämpfern“ konfrontiert zu sein Wer versucht sich aus den Konflikten herauszuhalten wird nicht unbedingt verschont. Gegenattacken treffen häufig Zivilisten und Umstehende. Gewalt führt zu mehr Gewalt, führt zu mehr Gewalt. Ein Teufelskreis in dem auch die kleinen gefangen sind. Wer von Israel als Terrorist verdächtigt wird, wird verhaftet. Familien, die den Vorwurf anfechten haben es oft sehr schwer, klare Antworten bezüglich der Gründe für den Verdacht zu bekommen.

Je näher Kinder an umkämpften Gebieten wohnen, umso häufiger sind sie extremistischen Ideen ausgesetzt. Diese entstehen nicht in einem Vakuum. Nach Jahrzehnten der sich Wiederholenden Gewalt-Zyklen wachsen Generationen im israelischen, sowie im palästinensischen Gebiet mit immer extremeren Ideologien auf. Viele Menschen sterben jung, werden für viele Kinder zu Vorbildern, die sie nachahmen wollen. Jemand der sie verteidigt gegen eine Gewalt, die sie noch nicht verstehen können.

Die Tötung minderjähriger Palästinenser im Westjordanland nimmt in den letzten Jahren zu. Die rechtsextreme Regierung und die anhaltende Gewalt gegen die Menschen in Gaza, fachen die Situation auch im Westjordanland immer weiter an.

Bildung ist wichtig, gibt Kindern eine Möglichkeit an bessere Zukünfte zu glauben und neue Ideen für solch eine Zukunft zu finden.


Quellen: 37 - 46

Spardose

Amaya hat ihren Onkel Hamza noch nie persönlich getroffen. Sie weiß, dass er Mama ähnlich sieht, aber sonst das totale Gegenteil von ihr abbildet. Er liebte es, Sport zu treiben, ein absoluter Fitnessfreak! Mitte 20 ist er. In Maryams Herzen bleibt er für immer zehn.

Oktober 2023 wurde er zum Opfer eines israelischen Luftangriffs. Seit dem ist er querschnittsgelähmt. Irgendwo unter den Trümmern des Mehrfamilienhauses, indem Maryam mit Hamza aufwuchs, befinden sich bis heute ihre Eltern begraben. Maryam glaubt, niemals wieder zur Ruhe kommen zu können. Zumindest nicht, bis die Leichen ihrer Eltern geborgen und würdevoll begraben werden können, mit Totengebet.

Onkel Hamza hat es hart getroffen. Die nötige gesundheitliche Unterstützung für seine Behinderung findet er in Gaza nicht. Nichtmal für einen funktionstüchtigen Rollstuhl reicht es. Younes sammelt über Crowdfunding Plattformen Spenden für seinen Schwager. Er möchte ihn nach Ägypten bringen und von dort aus irgendwann zu ihm nach Deutschland. Einen mittelmäßig-vertrauenswürdigen Schlepper haben sie bereits gefunden. Dieser möchte aber 12.000€ Cash. Younes hat schon viel zur Seite gelegt. Er erhofft sich, dass hilfsbereite Menschen ihn dabei finanziell unterstützen. Mit seinem eigenen Gehalt kommt er nämlich kaum über die Runden. Der Großteil geht zur Versorgung seiner Familie direkt ins Westjordanland. Nebenbei spart er seit Jahren dafür, seine Kinder, Frau und Eltern zu sich zu holen.




Quelle: 47

Gepäck

Das ist nicht der erste Ort, den Amaya ihr Zuhause nannte. Vor etwas mehr als fünf Jahren, da war Saleem noch gar nicht auf der Welt, lebte die Familie nicht unweit von hier. Etwas weiter östlich. Wenige Kilometer. Heute wohnen dort Siedler. Es war Sīdis Haus. Das Haus auf dem Hügel, mit dem großen Hof, wo einst noch Schafe grasten und Olivenbäume blühten. Amaya war klein, der Hof längst leer.

Amaya und Sidis im Hof

Als die Siedler Babas Auto und die Bäume anzündeten, um die Familie zu vertreiben, gaben Amayas Eltern nach. Baba hatte Angst, dass es beim nächsten Mal ein Leben kostet. Er baute eine Bleibe etwas weiter westlicher, gemeinsam mit anderen Familien, die das Dorf verließen. Die israelische Behörde hat ihren Bauantrag abgelehnt. Mit nichts anderem haben sie gerechnet. Aber aus Not baute Baba trotzdem. Eine Wohnung für ihn, eine für Sitti und Sīdi. Viel kleiner als das alte Haus. Aber sicherer und näher an Ramallah. Dann wurde Mama schwanger und Baba brach mit dem letzten Geld nach Jordanien aus. Von dort aus floh er nach Deutschland, um die Familie zu versorgen. Bis heute hat er Saleem nicht getroffen. Sehr bald soll sich das ändern.

Ein Junge aus der Nachbarschaft warf mit einem Stein auf bewaffnete Siedler. Jetzt sitzt er. Terrorismus.

Stein

Bei seiner Festnahme bemerkten die Behörden Amayas Wohnung, die illegalerweise gebaut wurde. Der Abrissbefehl ließ nicht lange auf sich warten. Abgerissen, im eigenen Land. Saleem versteht es nicht. Amaya eigentlich auch nicht.

Abrissbefehl

Sie packen ihre Sachen und nehmen mit, was sie tragen können. Aber Amayas Leben passt in keinen Koffer. Ihr Pech. Sie ist auf dem Weg zum ersten Flug ihres Lebens. Den hatte sie sich eigentlich anders vorgestellt. Zumindest sieht sie ihr Idol: Flugbegleiterinnen. Und Baba. Hoffentlich bald.

Flugzeug

Unter 0,5% erhalten Baugenehmigung

Weite Teile des besetzten Westjordanlandes liegen unter israelischer Kontrolle. In diesen Gebieten, genannt Area C, müssen Palästinenser*innen einen Bauantrag an die israelische Behörde stellen, bevor sie dort bauen. Da der illegale Siedlungsbau in diesen Gebieten zunimmt und dadurch zahlreiche Bewohner gewaltsame Vertreibung fürchten, ist der Bedarf an Neubauten hoch.

Über 99% der 5.070 gestellten Anträge aus den Jahren 2021 – 2024 wurden abgelehnt (Bimkom). Ist man erstmal illegal vertrieben, ist es quasi unmöglich auf legaler Art im Gebiet weiterzuleben. Die meisten sehen sich darin gezwungen, ohne Erlaubnis zu bauen.

1538 Abrisse in zwölf Monaten

Ungeachtet des Bedarfs an Wohnraum werden palästinensisch-errichtete Gebäude überproportional abgerissen. Der Grund liegt auf der Hand: Es fehlt an einer Bauerlaubnis. Genau die Bauerlaubnis, dessen Erhalt nur zu weniger als 1% gelingt.

Durchgeführt werden die Abrisse entweder durch israelische Autoritäten oder die Eigentümer werden dazu gezwungen, das errichtete Gebäude selbst abzureißen.

Ein solcher Abriss hat seine Folgen. Betroffene kämpfen mit Armut und Einschränkungen in Gesundheits- und Wasserversorgung sowie Mangel an Sanitäranlagen und einem erschwerten Zugang zu Bildung. Gerade für Kinder sind die Auswirkungen prägend.

Bulldozer

Gleichzeitig wird der völkerrechtlich illegale Siedlungsbau genehmigt und von Regierungsmitgliedern, wie dem ultra-rechten Finanzminister Bezalel Smotrich, unterstützt. Über 30.000 Siedlungenseinheiten wurden, des deutschen Außenministeriums zufolge, im vergangenen Jahr errichtet. Scharfe Verwarnungen aus dem Ausland konnten allerdings wenig dagegen bewirken: Ein Bericht des European External Action Service beschreibt ein 250-prozentiges Wachstum des Siedlungsbaus seit 2018.

Ilegaller Siedlungsbau

Zwei Optionen

Palästinenserinnen und Palästinenser im Westjordanland bleiben zwei Möglichkeiten.

Entweder:

Flüchtling im eigenen Land.

Im Westjordanland leben über 934.000 registrierte Binnenflüchtlinge in 19 Camps. Dicht bevölkert und ohne Perspektive auf Entwicklung. Auch in den Flüchtlingslagern kommt es zu Konfrontationen mit israelischen Sicherheitskräften.

Oder:

Raus.

Das Land hinter sich lassen und damit auch die Hoffnung, jemals zurückzukehren. Die über 80 Jahre andauernde Resilienz ihrer Vorfahren einfach so aufzugeben, ist der wahrgewordene Alptraum für mindestens 8,36 Millionen geflüchtete Palästinenser*innen. Oftmals schaffen sie es nur ins Nachbarland. Alleine in Jordaninen leben 2,39 Millionen Geflüchtete. Auch dort verweilen sie lange in Flüchtlingcamps. Manche, besonders Wohlhabende, schaffen es ins ferne Ausland, nach Deutschland oder Amerika.

Sie hoffen aus dem Ausland etwas gegen die Gewalt unternehmen zu können. „Survivors Guilt“ ist eine Emotion, die viele von ihnen beklagen. Insbesondere Geflüchtete aus dem Gaza-Streifen.


Quellen: 48 - 53
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Die Menschenrechte

(vereinfacht)

  1. Gleichheit und Freiheit aller Menschen
  2. Verbot der Diskriminierung
  3. Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit
  4. Verbot der Sklaverei
  5. Verbot von Folter und grausamer Behandlung
  6. Recht, überall als Person anerkannt zu werden
  7. Gleichheit vor dem Gesetz
  8. Recht auf wirksamen Rechtsschutz
  9. Schutz vor willkürlicher Verhaftung
  10. Recht auf ein faires Gerichtsverfahren
  11. Unschuldsvermutung
  12. Schutz der Privatsphäre
  13. Recht auf Freizügigkeit und Ausreise
  14. Recht auf Asyl
  15. Recht auf Staatsangehörigkeit
  16. Recht auf Ehe und Familie
  17. Recht auf Eigentum
  18. Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit
  19. Meinungs- und Informationsfreiheit
  20. Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit
  21. Recht auf politische Teilhabe und freie Wahlen
  22. Recht auf soziale Sicherheit
  23. Recht auf Arbeit, gleichen Lohn und Gewerkschaften
  24. Recht auf Erholung und Freizeit
  25. Recht auf einen angemessenen Lebensstandard und Wohlfahrt
  26. Recht auf Bildung
  27. Recht auf Teilhabe am kulturellen Leben
  28. Recht auf eine gerechte soziale und internationale Ordnung
  29. Pflichten gegenüber der Gemeinschaft
  30. Verbot des Missbrauchs der Menschenrechte zur Zerstörung anderer Rechte

Basierend auf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von UNRIC