(Oder mach das Fenster schmaler)
Disclaimer: Fiktion
Gegenstände
und auf dieMenschenrechte-Buttons
Schaf-Kuscheltier
Amaya und Saleem stammen von einer generationenalten Hirtenfamilie ab. Sīdou erzählt gerne von seinen Schafen. Gemeinsam mit seinem Vater zeihte
er sie groß. Das Melken bereitete ihm wenig Freude. Auch beim Scheren hatte er immer Angst, das Tier zu verletzen. Am liebsten führte er sie
stundenlang durch die Berge und schaute ihnen beim Grasen zu, während er selbst die Oliven von den umliegenden Bäumen verspeiste.
Er freute sich darauf, eines Tages seinen Sohn zum Hirten zu machen. Er hoffte immer, Baba würde mutiger sein mit den Schafen und das Scheren
übernehmen. Doch die Schafe, der alte Hof – alles ist weg. Und Baba ist in Deutschland. Ohne je ein Schaf geschoren zu haben.
Eine lange Tradition
Die Tradition der Hirten ist tief im Westjordanland verwurzelt. Schon in biblischen Erzählungen finden sich Spuren davon. Als Haupteinnahmequelle der Bedouinen sind diese darauf angewiesen, sich ordnungsgemäß um ihre Tiere zu kümmern. Dazu benötigen die Tiere vor allem eins: Raum zum Grasen.Shepherd Settlers
Eine von – oftmals sehr jungen - illegalen Siedlern genutzte Praxis ist es, ihre eigenen Schafe zum Grasen in die Nähe von palästinensischen Häusern zu bringen und die Bewohner gewaltsam einzuschüchtern. Sie zerstören die Futter- und Wasservorräte der palästinensischen Hirten und umzingeln ihre Schafe.Siedlergewalt trifft auch Tiere und Pflanzen
Auf Instagram nimmt der junge israelische Aktivist Andrey X seine Follower mit ins Westjordanland. Auf seinem Account (@the.andrey.x) bezeichnet er sich selbst als unabhängiger Journalist aus Palästina. In zahlreichen Videos dokumentiert er Siedlergewalt gegen die Palästinenser*innen, ihr Eigentum und die Natur.Menschliche
Schutzschilde
Shami-Fliesen
Für Amaya haben diese handgefertigten Fliesen eine große Bedeutung.
Es ist ein bisschen wie beim Zahnarzt; die schönen Muster lenken sie ab.
Diese wenigen Fliesen hat Baba an die Wand gefließt, kurz bevor er gegangen ist.
Eines der letzten Dinge, die ihnen noch aus Sidous altem Haus erhalten blieben.
Jedesmal wenn Amaya einen lauten Knall aus dem Fenster hört, schweift ihr Blick nach links.
Dem symmetrischen Muster der Kacheln zu folgen – das bringt ihr Ruhe. Und so ganz nebenbei sehen
sie auch noch hübsch aus, sogar Amayas Lieblingsfarbe findet sich in ihnen.
Einige Fliesen sind schon gerissen. Bei einem Sturm auf ihre Wohnung wurden zwei
Fliesen beschädigt. Einen Ersatz hätten sie ohnehin nicht bekommen - obwohl Amayas Tante Halima ganz
in der Nähe der einzigen Shami-Fliesenwerkstatt im ganzen Westjordanland wohnt.
Der Hintergrund
Shami leitet sich von dem arabischen „Al-Shām“ (zu deutsch Syrien) ab und bezieht sich auf die levantische Region. Ein Teil der levantischen Kultur wurden die Fliesen durch die französische Kolonialisierung des Gebiets. Traditionell werden sie mithilfe einer Kupferschablone mit Farbe ausgefüllt und von Zement bedeckt.
Fliesen ( und Menschen ) ohne Freizügigkeit
Doch heute ist das anders: Nicht nur das Verlassen und Betreten des Westjordanlandes ist ohne israelische Genehmigung unmöglich. Auch innerhalb des Westjordanlands erschweren - in der Anzahl steigende -Checkpoints und wachsende illegale israelische Siedlungen die Freizügigkeit der Palästnenser*innen und ihrer Ware.
Wer hält die letzte
Fabrik am Laufen?
Wassertank
Ein Tank muss immer voll sein. Sie haben drei.
Der kleine ist für die Kleinigkeiten. Die großen – der blaue und der gelbe – sind vormittags fast immer gefüllt,
wenn Wasser kommt. Am Abend wird einer leer gemacht, am nächsten Morgen aufgefüllt - abends ist der andere Tank dran.
Fließendes Wasser ist einfach zu teuer geworden. Das sagt Maryam jedes Mal zu Halima, wenn sie mal Netz hat.
Der Wasserhahn ist jetzt wie Deko, meint Sitti zu Amaya.
Er bleibt still, während das Wasser aus dem kleinen Tank über Amayas eingeseifte Hände läuft.
Es sammelt sich dann in der großen Schüssel im Waschbecken. Saleem braucht es fürs Klo.
Krankheit und Unzugänglichkeit
Seit Oktober 2023 erlebt Gaza einen nahezu vollständigen Zusammenbruch der Wasserversorgung. Nach der Blockade von Strom-, Wasser- und Treibstofflieferungen sank die Wasserproduktion laut Human Rights Watch zeitweise auf lediglich 5,7% des Vorkriegsniveaus. Die Infrastruktur ist massiv zerstört: 85% der Pumpstationen und der Großteil der Brunnen sind beschädigt oder außer Betrieb. Laut UNICEF sind auch über 70% der Kläranlagen betroffen. Viele Menschen greifen auf verschmutzte Brunnen zurück, da das Grundwasser durch Abwässer und Trümmer kontaminiert ist. Die Folgen sind gravierend: Die WHO meldete 2024 Hunderttausende Durchfallerkrankungen, über 130.000 Hepatitis-A-Fälle und eine Polio-Zirkulation in 88% der Umweltproben. Besonders betroffen sind Kinder, da sie oft stundenlang Wasser holen müssen und am stärksten unter Dehydration und Infektionen leiden.Solar-Powerbank & Handy
Als Maryam nach Hause kam, war das alte Handy schon kaputt.
Es gibt eine Regel. Powerbank und Handy bleiben am Fenster:
Die Powerbank im Sonnenlicht und das Handy im Schatten.
Damit das Handy nicht wird, klebt ein Pappstück Amaya auf das Glas. Saleem beobachtet sie.
Beide sollen aufpassen, dass es nicht herunterfällt.
Sie ruft ab und zu ihre Kinder, sie sollen die Handys von den Nachbarn hochbringen und laden.
An manchen Tagen gibt es genug Netz, um mit Younes zu schreiben.
Letztes Mal hat er sein altes deutsches Handy nach Hause geschickt.
Kaum Strom, kaum Netz
Die palästinensischen Gebiete sind seit Jahrzehnten stark von Energieimporten aus Israel abhängig. Bereits seit den 1970er-Jahren gilt Solarenergie als wichtige alternative Energiequelle. Insbesondere im Gazastreifen nahm ihre Nutzung deutlich zu: Laut einer Studie der Hebrew University of Jerusalem stieg die Zahl der Solaranlagen dort exponentiell von 2012 bis 2019.Koran-Verse
„Verliert nicht die Hoffnung und seid nicht traurig; ihr werdet die Oberhand haben, wenn ihr gläubig seid.“
(3, 139)
„Gewiss, es gibt mit der Erschwernis eine Erleichterung.“ (94,6)
„Gott prüft Gläubige mit Angst, Hunger und Verlust, Geduldige erhalten Segen sowie Barmherzigkeit.“ (2, 155)
Maryam ist religiöser geworden seit Younes weg ist. Sie ist überzeugt:
Nichts und niemand irdisches kann sie und ihre Familie noch beschützen.
Ohne Younes hat sie beinahe täglich Alpträume: Was wenn die Siedler wiederkommen?
Was, wenn sie wirklich Amaya berühren?
Sīdi ist zu schwach und Sitti’s Seele würde alleine beim Gedanken daran ihren Körper verlassen.
Und dann wäre da noch ihr Bruder, Hamza.
Alleine in Gaza. Querschnittsgelähmt. Schwerstdepressiv.
Das einzige was ihn am Leben hält, ist der Glaube.
Das Leben als Prüfung und das Paradies als Belohnung für seine Geduld.
Maryam rezitiert täglich den Koran.
Weite Teile kann sie mittlerweile auswendig. Einige Verse geben ihr Hoffnung
Auch Amaya glaubt mittlerweile an Allah. Anders als Saleem,
der nicht versteht wieso ein so barmherziger Gott ihm so ein böses Leben gegeben hat.
Amaya weiß, es ist nicht Gott, der ihr Leid zuführt. Es sind die Menschen.
Ihre Mama hat ihr erzählt, dass die Mädchen in Gaza mit bedeckender Gebetskleidung schlafen -
falls sie nachts angegriffen werden. Aber auch für den Falle,
sie sollten am nächsten Morgen nicht aufwachen, begraben unter Schutt.
Wer auch immer sie bergen wird, soll sie nur im bedeckten Zustand auffinden.
Im Namen Allahs sterben, sein Gebot in den letzten Sekunden des Lebens befolgen.
Maryam könnte sich keinen würdevolleren Tod vorstellen.
Zuflucht im Glauben
Für viele Palästinenser spielt der religiöse Glaube eine zentrale Rolle im alltäglichen Leben. Dieses Leben ist nun größtenteils von Hunger, Zerstörung, Leid und Tod geprägt. Aus dieser Perspektive hat der Konflikt zwischen Israel und Palästina eine religiöse Komponente angenommen. Denn gerade in Zeiten der Not suchen viele Menschen besonders intensiv Trost und Zuflucht bei Gott. Sie versuchen, das Geschehene mit einem Willen oder Plan Gottes zu erklären. Die Palästinenser stehen vor der schwierigen Aufgabe, ihren bisher von der Religion bestimmten Alltag mit der täglich erfahrenen Gewalt in Einklang zu bringen.Kochbuch
In der Küche liegt noch das Kochbuch von Sitti.
Sie sammelte über die Jahre verschiedene Rezepte für die Familie,
merkte sich die Lieblingsessen ihrer Liebsten und nutzte das Buch als Gelegenheit gemeinsam
mit ihrer Familie zu kochen. Ein Topf und ein bisschen Mehl stehen noch übrig.
Das Buch sollte eine Sammlung von Lieblingsrezepten sein, neue Gerichte, die sie mit ihren Enkelkindern teilen konnte.
Doch wegen Armut und schlechten Ressourcen änderte sich das Kochbuch als Aufbewahrungsort für Notfallrezepte.
Nun ist das Kochbuch eine Anleitung, um mit sehr wenig zu überleben. Etwas, was sie mit allen teilt, die sich in einer Not befinden,
mit kaum Essen und fast gar keinen frischen Zutaten. Beispielweise teilt sie diese Rezepte mit Bekannten aus Gaza.
Hunger und Abhängigkeit
Derzeit wird die Situation im Westjordanland immer kritischer. Wegen Blockaden steigen Preise und Arbeitslosigkeit. Die Lebensmittel Preise stiegen um 50%-100% und die Arbeitslosigkeit stieg auf 40%. Armut wird immer mehr ein Problem der Bevölkerung, dadurch verringert sich der Zugriff auf Nahrungsmittel gewaltig. Außerdem ist der Zugriff auf Wasser sehr eingeengt. Was nicht nur Kochen schwer macht, sondern auch das Anbauen von Lebensmitteln nahezu unmöglich.Schulheft
Amaya ist neun Jahre alt und wenn sie groß ist, möchte sie Flugbegleiterin werden.
Ihr Traum ist es die Welt zu sehen, in ihrer Heimat ist die Bewegungsfreiheit von Palästinensern
sehr eingeschränkt. Wieso das so ist, versteht sie noch nicht,
aber ihre Familie hat ihr eingeprägt, sich nicht mit israelischen Soldaten anzulegen.
Ein Junge aus der Nachbarschaft ist so gestorben. Also hängt sie ihre Hoffnungen an die Zukunft.
Um ihren Traum zu verwirklichen, arbeitet sie hart in der Schule.
Ihr Papa Younes ist vor mehr als fünf Jahren nach Deutschland geflohen,
um seiner Familie dort eine Zukunft aufzubauen.
Verdächtige Kinder
Leider wird der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis nicht nur zwischen Erwachsenen geführt.Spardose
Amaya hat ihren Onkel Hamza noch nie persönlich getroffen. Sie weiß, dass er Mama ähnlich sieht, aber sonst das totale Gegenteil von ihr abbildet. Er liebte es, Sport zu
treiben, ein absoluter Fitnessfreak! Mitte 20 ist er. In Maryams Herzen bleibt er für immer zehn.
Oktober 2023 wurde er zum Opfer eines israelischen Luftangriffs. Seit dem ist er querschnittsgelähmt. Irgendwo unter den Trümmern des Mehrfamilienhauses, indem Maryam mit
Hamza aufwuchs, befinden sich bis heute ihre Eltern begraben. Maryam glaubt, niemals wieder zur Ruhe kommen zu können. Zumindest nicht, bis die Leichen ihrer Eltern geborgen
und würdevoll begraben werden können, mit Totengebet.
Onkel Hamza hat es hart getroffen. Die nötige gesundheitliche Unterstützung für seine Behinderung findet er in Gaza nicht. Nichtmal für einen funktionstüchtigen Rollstuhl reicht es.
Younes sammelt über Crowdfunding Plattformen Spenden für seinen Schwager. Er möchte ihn nach Ägypten bringen und von dort aus irgendwann zu ihm nach Deutschland.
Einen mittelmäßig-vertrauenswürdigen Schlepper haben sie bereits gefunden. Dieser möchte aber 12.000€ Cash.
Younes hat schon viel zur Seite gelegt. Er erhofft sich, dass hilfsbereite Menschen ihn dabei finanziell unterstützen. Mit seinem eigenen Gehalt kommt er nämlich kaum über die Runden.
Der Großteil geht zur Versorgung seiner Familie direkt ins Westjordanland.
Nebenbei spart er seit Jahren dafür, seine Kinder, Frau und Eltern zu sich zu holen.
Gepäck
Das ist nicht der erste Ort, den Amaya ihr Zuhause nannte.
Vor etwas mehr als fünf Jahren, da war Saleem noch gar nicht auf der Welt, lebte die Familie nicht unweit von hier. Etwas weiter östlich. Wenige Kilometer.
Heute wohnen dort Siedler.
Es war Sīdis Haus. Das Haus auf dem Hügel, mit dem großen Hof, wo einst noch Schafe grasten und Olivenbäume blühten. Amaya war klein, der Hof längst leer.
Als die Siedler Babas Auto und die Bäume anzündeten, um die Familie zu vertreiben, gaben Amayas Eltern nach. Baba hatte Angst, dass es beim nächsten Mal ein Leben kostet.
Er baute eine Bleibe etwas weiter westlicher, gemeinsam mit anderen Familien, die das Dorf verließen. Die israelische Behörde hat ihren Bauantrag abgelehnt. Mit nichts
anderem haben sie gerechnet. Aber aus Not baute Baba trotzdem. Eine Wohnung für ihn, eine für Sitti und Sīdi. Viel kleiner als das alte Haus. Aber sicherer und näher an Ramallah.
Dann wurde Mama schwanger und Baba brach mit dem letzten Geld nach Jordanien aus. Von dort aus floh er nach Deutschland, um die Familie zu versorgen. Bis heute hat er Saleem
nicht getroffen. Sehr bald soll sich das ändern.
Ein Junge aus der Nachbarschaft warf mit einem Stein auf bewaffnete Siedler. Jetzt sitzt er. Terrorismus.
Bei seiner Festnahme bemerkten die Behörden Amayas Wohnung, die illegalerweise gebaut wurde. Der Abrissbefehl ließ nicht lange auf sich warten.
Abgerissen, im eigenen Land. Saleem versteht es nicht. Amaya eigentlich auch nicht.
Sie packen ihre Sachen und nehmen mit, was sie tragen können. Aber Amayas Leben passt in keinen Koffer. Ihr Pech.
Sie ist auf dem Weg zum ersten Flug ihres Lebens. Den hatte sie sich eigentlich anders vorgestellt. Zumindest sieht sie ihr Idol: Flugbegleiterinnen. Und Baba. Hoffentlich bald.
Unter 0,5% erhalten Baugenehmigung
Weite Teile des besetzten Westjordanlandes liegen unter israelischer Kontrolle. In diesen Gebieten, genannt Area C, müssen Palästinenser*innen einen Bauantrag an die israelische Behörde stellen, bevor sie dort bauen. Da der illegale Siedlungsbau in diesen Gebieten zunimmt und dadurch zahlreiche Bewohner gewaltsame Vertreibung fürchten, ist der Bedarf an Neubauten hoch.1538 Abrisse in zwölf Monaten
Ungeachtet des Bedarfs an Wohnraum werden palästinensisch-errichtete Gebäude überproportional abgerissen. Der Grund liegt auf der Hand: Es fehlt an einer Bauerlaubnis. Genau die Bauerlaubnis, dessen Erhalt nur zu weniger als 1% gelingt.
Zwei Optionen
Palästinenserinnen und Palästinenser im Westjordanland bleiben zwei Möglichkeiten.Die Menschenrechte
(vereinfacht)
Basierend auf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von UNRIC