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Shami-Fliesen

Für Amaya haben diese handgefertigten Fliesen eine große Bedeutung. Es ist ein bisschen wie beim Zahnarzt; die schönen Muster lenken sie ab. Diese wenigen Fliesen hat Baba an die Wand gefließt, kurz bevor er gegangen ist. Eines der letzten Dinge, die ihnen noch aus Sidous altem Haus erhalten blieben.



Jedesmal wenn Amaya einen lauten Knall aus dem Fenster hört, schweift ihr Blick nach links. Dem symmetrischen Muster der Kacheln zu folgen – das bringt ihr Ruhe. Und so ganz nebenbei sehen sie auch noch hübsch aus, sogar Amayas Lieblingsfarbe findet sich in ihnen.



Amaya schaut auf die Fliesen vor sich

Einige Fliesen sind schon gerissen. Bei einem Sturm auf ihre Wohnung wurden zwei Fliesen beschädigt. Einen Ersatz hätten sie ohnehin nicht bekommen - obwohl Amayas Tante Halima ganz in der Nähe der einzigen Shami-Fliesenwerkstatt im ganzen Westjordanland wohnt.



Zerbrochene Fliesen

Der Hintergrund

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Shami leitet sich von dem arabischen „Al-Shām“ (zu deutsch Syrien) ab und bezieht sich auf die levantische Region. Ein Teil der levantischen Kultur wurden die Fliesen durch die französische Kolonialisierung des Gebiets. Traditionell werden sie mithilfe einer Kupferschablone mit Farbe ausgefüllt und von Zement bedeckt.

Karte aus der Levante von 1920

Vor über 100 Jahren war die Levante eine zugängliche Region. Grenzen, wie sie nach dem ersten Weltkrieg von westlichen Mächten gezogen wurden, existierten nicht. Der Handel erstreckte sich über die gesamte Levante und auch die Produktion der Shami-Fliesen gestaltete sich in dieser Zeit einfacher. Schablonen aus Beirut konnten ohne Bedenken zu den zahlreichen Produktionsstätten in palästinensischen Städten transportiert werden.

Fliesen (und Menschen) ohne Freizügigkeit

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Doch heute ist das anders: Nicht nur das Verlassen und Betreten des Westjordanlandes ist ohne israelische Genehmigung unmöglich. Auch innerhalb des Westjordanlands erschweren - in der Anzahl steigende - Checkpoints und wachsende illegale israelische Siedlungen die Freizügigkeit der Palästnenser*innen und ihrer Ware.

Die letzte noch erhaltende Produktionsstätte der Shami-Fliesen befindet sich in Nablus. Nur etwa 70 Kilometer nördlich von unserer Wohnung entfernt. Doch beim Überqueren der Route 60 – die einzige Route, die Ramallah und Nablus verbindet – ist man Kontrollen und teilweise tödlicher Siedlergewalt ausgesetzt. Die Autobahn durchquert die Zonen A, B und C des Westjordanlandes.

Buchstabe A mit der Flagge Palästinas
18% Der West Bank, am stärksten bevölkert. Unter palästinensischer Verwaltung und Polizeikontrolle. Oft angrenzend an Area C.
Ca. 22% des Westjordanlands. Unter palästinensischer Verwaltung, aber geteilte Sicherheitskontrolle mit Israel. Segmentiert Area A und B.
Buchstabe B mit der Flagge Palästinas und Israels
Buchstabe C mit der Flagge Israels
Über 60% des Westjordanlands. Unter israelischer Verwaltung.


Eine Karte der OCHA liefert detailliertere Informationen.

Seit dem 7. Oktober 2023 erfahren Palästinenser*innen im besetzten Westjordanland große Strenge beim Verlassen und Betreten ihrer Dörfer. Entweder werden sie an den Checkpoints abgewiesen oder in stundenlange Kontrollen verwickelt.

Für Amayas Familie wäre es wohl unmöglich gewesen, ihre Fliesen auszutauschen. Jetzt, wo sie die Wohnung verlassen mussten, ist das aber ihr kleinstes Problem.

Wer hält die letzte
Fabrik am Laufen?

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Die handgefertigten Fliesen aus der Fabrik in Nablus werden zum größten Teil an Israelis verkauft. Der Inhaber behauptet gezwungen zu sein mit israelischen Lieferanten zu kooperieren. Diese würden die Ware verpacken und als israelisches Produkt an die Kunden verkaufen. Die Anfrage eines israelischen Geschäftsmannes, ihre Fabrik in Israel zu verlegen, lehnte der Inhaber ab. Es wäre für ihn ein „Akt des Verrates“. Für viele Palästinenser sind die Fliesen eine Erinnerung an eine lange vermisste Freiheit und somit ein fester Bestandteil ihrer Identität.

Verstoßene Menschenrechte

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Recht auf Freizügigkeit und Ausreise

Jeder Mensch hat das Recht, sich innerhalb eines Staates frei zu bewegen und den Aufenthaltsort frei zu wählen.

Jeder Mensch hat das Recht, jedes Land, einschließlich des eigenen, zu verlassen und in das eigene Land zurückzukehren.

Quellen

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  1. Anera. (2023, September 21). What are Area A, Area B, and Area C in the West Bank? - Anera. Abgerufen am 29. Januar 2026, von https://www.anera.org/what-are-area-a-area-b-and-area-c-in-the-west-bank/
  2. Deprez, M. (o. D.). Aslan Tile Factory - Nablus. Miriam Deprez. Abgerufen am 18. Januar 2026, von https://miriamdeprez.com/aslan-tile-factory-nablus/6ehp2s8gl11qqr7ftyqdcp71ejaxe9
  3. Gormezano, D., & Hani, T. (2025, September 23). West Bank's Route 60: The 'road of death' many Palestinians cannot avoid. France 24. Abgerufen am 29. Januar 2026, von https://www.france24.com/en/middle-east/20250923-west-bank-s-route-60-the-road-of-death-many-palestinians-cannot-avoid
  4. Hasan, M. (o. D.). Palestinian tile industry a cultural treasure. The Arab Weekly. Abgerufen am 18. Januar 2026, von https://thearabweekly.com/palestinian-tile-industry-cultural-treasure
  5. Palestinian Economy Portal. (o. D.). Shami Tiles: A Historic Legacy in Nablus and Fears of Extinction. Abgerufen am 18. Januar 2026, von https://www.palestineeconomy.ps/en/Article/185/Shami-Tiles-A-Historic-Legacy-in-Nablus-and-Fears-of-Extinction
  6. Taha, S. (2021, November 22). A trip down Israel's Route 60 shows why a two-state solution proves elusive. Washington Post. Abgerufen am 29. Januar 2026, von https://www.washingtonpost.com/world/interactive/2021/israel-palestinians-two-state-solution/
  7. The IMEU (@theimeu) • Instagram-Reel. Instagram, Abgerufen am 18. Januar 2026, von https://www.instagram.com/reels/DQz0cmwAT1J/
  8. The Palestinian Museum Digital Archive: External collection : The Aslan Factory for ancient colored tiles Collection, Abgerufen am 18. Januar 2026, von https://palarchive.org/index.php/Detail/collections/1047/lang/en_US
  9. Tiles of the 20s make Palestinian comeback. (2017, 1. Januar). Arabicbooksculture. Abgerufen am 29. Januar 2026, von https://arabicbooksculture.wordpress.com/2016/05/21/tiles-of-the-20s-make-palestinian-comeback/